Unglaublich: Ein neuer Mensch!

Ich möchte mit Euch über Unglaubliches sprechen und über das sehr geringe Vertrauen, das wir mitbringen, wenn es um unglaubliche Dinge geht.

In unserem heutigen Predigttext lernen wir eine Frau kennen, die – und da unterscheidet sie sich von vielen modernen Menschen – den Sinn ihres Lebens kennt. Dieser Frau macht Gott die Verheißung, dass er ihr bei der Verwirklichung ihres Lebenssinns helfen wird. Und das, obwohl die Frau schon sehr alt ist, obwohl alle Erfahrungen dagegen sprechen. Und wir werden von einer Frau hören – und da unterscheidet sie sich nun gar nicht von uns modernen Menschen – die auf dieses Versprechen Gottes hin lachen muss. Gott macht unglaubliche Versprechungen und wir haben unglaublich kleingläubige Reaktionen darauf.

Aber hört selbst:

Gen 18,1 Und der Herr erschien ihm im Hain Mamre, während er an der Tür seines Zeltes saß, als der Tag am heißesten war. 2 Und als er seine Augen aufhob und sah, siehe, da standen drei Männer vor ihm. Und als er sie sah, lief er ihnen entgegen von der Tür seines Zeltes und neigte sich zur Erde 3 und sprach: Herr, hab ich Gnade gefunden vor deinen Augen, so geh nicht an deinem Knecht vorüber. 4 Man soll euch ein wenig Wasser bringen, eure Füße zu waschen, und lasst euch nieder unter dem Baum. 5 Und ich will euch einen Bissen Brot bringen, dass ihr euer Herz labt; danach mögt ihr weiterziehen. Denn darum seid ihr bei eurem Knecht vorübergekommen. Sie sprachen: Tu, wie du gesagt hast.
6 Abraham eilte in das Zelt zu Sara und sprach: Eile und menge drei Maß feines Mehl, knete und backe Brote. 7 Er aber lief zu den Rindern und holte ein zartes, gutes Kalb und gab’s dem Knechte; der eilte und bereitete es zu. 8 Und er trug Butter und Milch auf und von dem Kalbe, das er zubereitet hatte, und setzte es ihnen vor und blieb stehen vor ihnen unter dem Baum, und sie aßen.
9 Da sprachen sie zu ihm: Wo ist Sara, deine Frau? Er antwortete: Drinnen im Zelt. 10 Da sprach er: Ich will wieder zu dir kommen übers Jahr; siehe, dann soll Sara, deine Frau, einen Sohn haben. Das hörte Sara hinter ihm, hinter der Tür des Zeltes. 11 Und sie waren beide, Abraham und Sara, alt und hochbetagt, sodass es Sara nicht mehr ging nach der Frauen Weise. 12 Darum lachte sie bei sich selbst und sprach: Nun, da ich alt bin, soll ich noch Liebeslust erfahren, und auch mein Herr ist alt!
13 Da sprach der Herr zu Abraham: Warum lacht Sara und spricht: Sollte ich wirklich noch gebären, nun, da ich alt bin? 14 Sollte dem Herrn etwas unmöglich sein? Um diese Zeit will ich wieder zu dir kommen übers Jahr; dann soll Sara einen Sohn haben. 15 Da leugnete Sara und sprach: Ich habe nicht gelacht –, denn sie fürchtete sich. Aber er sprach: Es ist nicht so, du hast gelacht.

Es geht es in dieser Geschichte um nicht mehr und nicht weniger als den Sinn des Lebens und wie es vorkommen kann, dass man ihn kennt, aber nicht verwirklichen kann. Den Sinn des Lebens von einer Möglichkeit zu einer Wirklichkeit werden zu lassen – das ist es, was Sara in ihrem Leben nicht gelungen ist.

Für Sarah war der Sinn ihres Lebens ein Kind.

Das mag uns heute anachronistisch vorkommen. Den Lebenssinn im Gebären und Aufziehen von Kindern suchen? Heute – zumindest bei den Jüngerinnen und Jüngern des Zeitgeistes – unvorstellbar! Jungen Menschen, insbesondere Mädchen und Frauen ,wird eher das Gegenteil gesagt: Lebenssinn sei die berufliche Selbstverwirklichung. Und das Bekommen von Kindern sei eine Art defizitärer Lebensentwurf.

Bevor wir aber über Sara die Nase rümpfen, weil sie uns so altertümlich vorkommt: Dass der Wunsch, Kinder zu bekommen, falsch sei, ist biblisch gesprochen eine Lüge. Gott scheint das nämlich ganz anders zu sehen, zumindest wenn wir einen Blick in das 1. Buch Mose werfen. Dort erklärt der HERR sehr eindeutig, worin die Aufgabe des Menschen besteht: „Seid fruchtbar und mehrt euch!“ Und Achtung! Diese Aufgabe wird nicht nur der Frau, sondern dem Menschen allgemein, also auch dem Mann, zuteil.

Lasst uns noch ein Weilchen bei Sara und ihrem Wunsch bleiben. Heute meinen viele, dieser Wunsch nach Kindern sei nur das Ergebnis von falscher Sozialisierung und Erziehung. Nach gut post-moderner Ansicht glaubt man, der Mensch könne sich sein Lebensziel ganz frei wählen. Und obwohl wir natürlich alle gern frei wählen möchten, müssen wir doch wahrnehmen, dass viele Menschen, deren Kinderwunsch aus welchen Gründen auch immer verwehrt bleibt, darunter oft sehr leiden. Ein nicht erfüllter Kinderwunsch darf nicht einfach als eine vernachlässigbare Kleinigkeit weggewischt werden, so nach dem Motto: „Was stellst Du Dich so an?“ Er muss ernst genommen werden als etwas, das Menschen – Frauen wie Männer – trauern lässt. Es ist nicht nur schmerzhaft, ein Kind zu verlieren. Es ist auch schmerzhaft, die Möglichkeit zu verlieren, ein Kind zu haben.

Und das galt nicht nur damals. Es gilt auch heute, obwohl doch der gesellschaftliche Druck in dieser Hinsicht bei weitem nicht vergleichbar ist mit der Zeit, aus der unsere Geschichte stammt.
Kehren wir aus dem 19. Jahrhundert vor Christus ins 21. Jahrhundert nach Christus zurück: Damals wie heute gibt es das: Ein Mensch lebt sein Leben und kann den Sinn seines Lebens zwar erkennen, aber nicht verwirklichen.

Heute scheitern viele Menschen schon am Erkennen des Lebenssinns. Das liegt eben daran, dass der moderne Mensch nur noch selten bereit ist, etwas als wahr zu akzeptieren, was außerhalb seiner selbst liegt. Der moderne Mensch will sich nichts sagen lassen, will es besser wissen, will, dass es so läuft, wie er es will. „Mein Wille geschehe!“ ist das Gebet des modernen Menschen.
Die modernen Lebenskrisen bestehen eher darin, erkennen zu müssen, dass man mit dieser Einstellung komplett auf dem Holzweg ist. Man kann mit noch so viel Geld, mit noch so viel Lebensberatungsliteratur, mit noch so viel Konsum, mit noch so viel gutem Aussehen, mit noch so viel beruflichem Erfolg, mit noch so gutgemeinter Kindererziehung die Leere im eigenen Herzen nicht ausfüllen. Die Leere im Herzen der Menschen ist so groß, dass nur ein sehr großer Gott sie füllen kann.

Was ist denn nun der Sinn des Lebens? Darüber streiten die Gelehrten. Ich würde sagen: Den Blick von sich selbst wegzulenken und zum Himmel zu schauen. Gott hat unsere Augen nicht an den Kniescheiben angebracht. Sie sind hier oben an unserem Kopf, damit wir – selbst wenn wir mit beiden beiden auf der Erde unterwegs sind – den Blick nach oben richten können. Über uns selbst hinaus.
Mit fortschreitenden Lebensjahren erkennen einige Menschen: Es sind nicht immer die selbst gesetzten Ziele, die de Sinn des Lebens treffen. Es ist nicht das, was wir uns selber sagen können, dessen Nichterreichen uns besonders zu schaffen macht. Der Sinn unseres Lebens ist uns von außen her gesetzt. Das zu akzeptieren, heißt: Erwachsen zu werden. Viele werden das bis ins hohe Alter hinein nicht.

https://youtu.be/11KWUDiFyBI

Was ist der Sinn, der von außen gesetzt ist? Bestimmt nicht, dieses oder jenes Auto zu fahren. Bestimmt nicht der berufliche Erfolg oder die wirtschaftliche Überlegenheit. Der Sinn unseres Lebens hat mit dem Menschen zu tun, der wir sein könnten, aber nicht sind. Von dem großen Traum, den wir von uns selber haben: Ein besserer, ein neuer Mensch zu werden. Danach müssen wir uns ausstrecken, unser ganzes Leben lang.

Nicht die weltlichen Dinge sind es, die uns hier schlaflose Nächte bereiten. Sondern das Über-uns-hinauswachsen zum Guten, zum Wahren und zum Schönen. Wir transzendieren uns. Wir müssen über unsere Grenzen hinaus. Und darin besteht der Sinn unseres Lebens. Wir müssen weg vom ewigen Kreisen um uns selbst hin zum anderen. Der Mensch wird am DU zum ICH. Wenn dieser Sinn nicht erreicht wird, dann ist guter Rat teuer.  Für die gottesfürchtige Sarah war der Traum, den sie von sich selber hatte: Eine Mutter zu werden. Und wir Kinder des 21 Jahrhunderts haben kein Recht, über diesen Traum zu lachen.

Denn wer könnte den Sinn des Lebens, der im selbstvergessenen Sich-Ausstrecken-zum-Nächsten besteht, besser und beispielhafter treffen als eine Mutter? Dazu braucht es nicht einmal eigene Kinder. Die Heilige Mutter Teresa hat es vorgemacht.
Das möchte Sara, aber der Kinderwunsch bleibt ihr verwehrt. Der Engel Gottes, der Abraham nun in der Hitze des Tages erscheint, macht ein Versprechen: Dass Gott nämlich diese Veränderung wahr machen werde. Selbst jetzt noch, wo alles, auch die biologischen Umstände, das Alter, die vielen eingefahrenen Wege und Gewohnheiten dagegen sprechen und dieses Versprechen nicht nur unwahrscheinlich, sondern geradezu unmöglich wirken lassen, will Gott Sara so verändern – hin zu diesem Menschen, der sie immer sein wollte.

Ich habe viel Sympathie für ihre Reaktion. Sie muss lachen. Ein schmerzhaftes Lachen. Jetzt noch? Nach so vielen Jahren? Ist es nicht langsam zu spät? Muss man nicht irgendwann einmal Abschied nehmen von dem, was nicht gelungen ist? Muss man nicht irgendwann abschließen, sich abfinden, resignieren?
Nein! Gott gibt uns das Versprechen: Es lohnt sich immer, auf ein Wunder zu hoffen. Es lohnt sich immer, an Gottes Verheißungen zu glauben. Denn „sollte dem HERRN etwas unmöglich sein?“  Gott kann tatsächlich das Wunder bewirken und uns zur Verwirklichung unseres Lebenssinn führen. Er kann das größte Wunder tun und einen neuen Menschen aus uns machen. Paulus spricht davon, sich zu Christus zu bekehren und so den alten Menschen auszuziehen und den neuen Menschen anzuziehen. Der lebendige Gott macht alles neu.

Sara hat uns ein Beispiel gegeben, dass es einen Sinn im Leben gibt.Wir haben gesehen, worin dieser Sinn besteht: Im Anerkennen, dass nicht ich der Herr meines Lebens bin, sondern Gott. Im ständigen Sich-Ausstrecken zum Wahren, zum Guten, zum Schönen. In der Selbstvergessenheit, im Da-Sein für den anderen. Gott will uns dabei helfen. Wenn wir nicht wissen, wie das gehen sollen, machen wir es wie Paulus: Schauen wir auf Christus, denn er ist der Weg, die Wahrheit und das Leben. (Joh 14,6) Wer sich zu ihm wendet, wird in ihm neu geboren, ein neuer, besserer Mensch. Dafür ist man nie zu alt. Dafür ist es nie zu spät.

Das erkennt schließlich auch Sara. Trotz ihres anfänglichen Zweifels macht Gott sein Versprechen wahr. Abraham und sie bekommen einen Sohn, den sie Isaak nennen, hebräisch für „Gott hat gelacht.“ Und wir wissen ja: Wer zuletzt lacht, lacht am besten.
Amen.