Ich will nicht!

Wenn es um Absichtsbekundung angeht, bin ich ganz vorne mit dabei.

Ein paar gute Worte machen, ein Zeichen setzen, Forderungen aufstellen, dass alles besser werden müsse. Und zwar schnell.

Das kann ich persönlich ganz gut. So wie viele andere Menschen auch.

All das hat zur Zeit wieder Konjunktur.

Wir müssen uns nur umschauen, ein kurzer Blick nach Osten auf das Grauen, was dort gerade passiert. Wir sehen das Elend der vielen Menschen, die jetzt gerade auf dem Weg sind, die Ukraine zu verlassen.

Und ich muss Ihnen gestehen: Während ich diese Menschen aufrichtig bedaure, wirklich aufrichtig, überlege ich gleichzeitig – sehr eigennützig -, was das wohl für mich und mein eigenes, sehr bequemes Leben bedeutet.

Wenn ich mich dabei erwische, so zu denken, schäme ich mich. Ja, ein paar gute Worte machen, irgendwo ein für andere sichtbares Zeichen setzen, Forderungen aufstellen, dass alles besser werden müsse. Und zwar schnell.

Das kann ich persönlich ganz gut. So wie viele andere Menschen auch.

Aber wenn es ernst wird, wenn tatsächlich von mir verlangt wird, mich zu bewegen, zu handeln, mich zu entscheiden – und zwar auf eine Art und Weise, die unbequem ist, die ein Opfer von mir verlangt… Liebe Brüder und Schwestern, ich sage Ihnen mit Paulus: Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach.

Ich weiß, dass es vielen Menschen genauso geht wie mir. Die letzten zwei Corona-Jahre, in denen wir gelernt haben, in einer Art von Duldungsstarre wie ängstliche Kaninchen alles über uns ergehen zu lassen, was kommt, haben nicht gerade dazu beigetragen, mich persönlich zu einem sehr viel mutigeren Menschen werden zu lassen. Mut war doch wohl in den letzten Monaten eher nicht gefragt, sondern Anpassung.

Menschen, die mutlos geworden sind, fühlen sich noch schwächer als sie wirklich sind. Und viele Menschen fühlen sich hier bei uns – in diesem Moment – sehr schwach.

Jetzt sehen wir die Bilder aus der Ukraine. Wir sehen den Mut der dortigen Menschen und dagegen den Kleinmut, den wir hier haben. Das ist schwer auszuhalten.

Neulich hat mir ein junges Mädchen, gerade 18, berichtet: Sie habe Schuldgefühle. Jede Nachricht im Fernsehen über einen Flüchtling, jedes Instagram-Bild über eine irgendwo in Deutschland aufgenommene Familie: Aus all dem leitet sie für das eigene Leben eine Handlungsaufforderung ab.

Die ganze Zeit sagt sie sich: Ich müsste eigentlich helfen, ich müsste eigentlich helfen. Und dann findet sie doch tausend rationale Gründe, warum das nicht geht.

Sie möchte helfen, weil sie es will. Und nicht, weil sie es muss. Allerdings – und jetzt musss man der unangenehmen Wahrheit ins Auge blicken: Sie will nicht.

Und ich verurteile sie nicht. Denn: Ich will auch nicht.

Lassen Sie mich das genauer sagen: Solange die Hilfe meine Bequemlichkeit nicht antastet, bin ich zu allem bereit: Auch wir packen Pakete, auch wir überlegen bei konkreten Nachfragen, wie wir helfen können. Und all das will ich gar nicht gering achten. Es ist gut und richtig, auf diese Art un Weise zu helfen.

Aber wenn der urkainische Botschafter beispielsweise fordert, dass ich meinen Sohn für sein Land in den Krieg schicken soll, und nichts anderes würde es bedeuten, wenn Deutschland eingreift: Dann habe ich nicht die Kraft, dazu Ja zu sagen. Mein Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach.

Ich will nicht.

Wir alle sind unterschiedlich und auch zu unterschiedlichen Opfern bereit. Und unsere eigene Schwäche ist zwar nichts worauf man sich etwas einbilden sollte, aber die man zunächst einmal anerkennen und annehmen muss. Dazu kann uns die Geschichte aus dem Garten von Gethsemane helfen.

Die Geschichte beginnt so: Jesus weiß, dass er verraten wird und sterben muss. Kein schönes Gefühl. Und er lässt seine Jünger wissen, dass ihm dieses Schicksal bevorsteht und dass er ihnen viel Kummer und Ärger bereiten wird. Petrus antwortet ihm wie ein echter Freund: “Wenn sich auch alle an dir ärgern, so will ich doch mich niemals ärgern.”

Darauf Jesus: “Wahrlich, ich sage dir: In dieser Nacht, ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen.”

Das ist ein herber Schlag für das Selbstbewusstsein des Petrus. Er antwortet: “Und wenn ich mit dir sterben müsste, werde ich dich nicht verleugnen. Das Gleiche sagten auch alle Jünger.”

Sterben! Das größte Opfer bringen, dass ein Mensch für einen anderen bringen kann. Sein eigenes Leben will Petrus, wollen seine Jünger, opfern, um Jesus zu retten. Ist das nicht eine heldenhafte Absichtserklärung, die sie hier abgeben?

Ach, was sind wir heldenhaft, wenn es um Absichtserklärungen geht.

Was Petrus, was die Jünger, gleich merken werden: Es kann leichter sein, für einen Menschen zu sterben als für ihn zu leben.  

Die sehen Jesus ist innerer Aufruhr. Im Angesicht des drohenden Schlages will er sich zum Beten zurückziehen. Die Großzahl der Jünger hatte er zurückgelassen, nur einige wenige hatten ihn begleitet. Zum Beten wollte Jesus allein sein.Er bittet sie – nicht mal mit ihm zu beten, sondern nur wach zu bleiben.

Nur wach bleiben.

Wer hat schon mal eine Stunde allein gebetet? Ist nicht einfach. Vor allem, wenn man in der Nacht betet: Man nickt ein.

Nur wach bleiben sollte Petrus. Nicht mal das schafft Petrus. Eben hat er noch geredet: Ich würde für Dich sterben, Herr. Sterben! Aber wachbleiben? Weißt Du nicht, dass ich einen anstrengenden Tag hatte? Wir mussten rumlaufen und es war Passahfest und so. Und jetzt bin ich müde.

Jesus will ein zweites Mal beten gehen. Jetzt bittet Jesus: Wacht nicht nur mit mir, sondern betet mit mir, damit ihr nicht in Versuchung fallt! Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach.

Er empfiehlt den Jüngern, wenn sie von ihrer eigenen Schwäche und Bequemlichkeit übermannt werden: Zu beten. Beten, so Jesus, sorgt dem In-Versuchung-Fallen vor. Und wenn man nur Gefahr läuft, in Versuchung zu fallen, einzunicken, wenn man wach bleiben müsste.

Und geht wieder weg und betet.

Als er wiederkommt, schlafen die Jünger erneut, denn, so schreibt Matthäus verständnisvoll: Ihre Augen waren schwer.

Wir wissen an dieser Stelle nicht genau, wie lange Jesus weg war, ob es wieder eine Stunde war oder weniger oder mehr.

Also da sind die drei Personen, denen er gesagt hatte, mit ihm wach zu bleiben und zu beten. Und sie schnarchen.

Das, liebe Brüder und Schwestern, ist unsere menschliche Verfassung. In diesen Jüngern werden wir einen Blick in den Spiegel. 

Und er stört sie nicht einmal, weckt sie nicht einmal auf. Geht wieder weg und betet ein drittes Mal.

Als er wiederkommt, spricht er sie an: Schlaft ihr immer noch? Ruht ihr euch immer noch aus? Denn die Stunde ist nah… Steht auf und lasst uns gehen.

Das ist die Schwachheit des menschlichen Herzens. Eigentlich denke ich, dass ich aus dieser Schwachheit herauswachsen würde.

Rm 7,15f schreibt Paulus aus seinem eigenen Leben.

So viele Dinge gute Dinge gibt es, die ich nicht tue. Und so viele schlechte, von denen ich mir vornehme: So möchte ich nicht sein. Niemals. Und sie tue ich. Und wenn mir das jemand vorhält, werde ich wütend.

Man hört nicht auf die Eltern.

Dabei sind Eltern die besten Ratgeber.

Für die bin ich viel wichtiger.

Was sollte die Antwort sein?

9 Er sagte aber zu einigen, die sich anmaßten, fromm zu sein, und verachteten die andern, dies Gleichnis: 10 Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. 11 Der Pharisäer stand für sich und betete so: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner. 12 Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme. 13 Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig!

Das sollte die Antwort sein:

Jesus, hilf mir!

Jesus, gib mir Kraft!

Herr, Beschütze mich!

Der häufigste Grund, warum wir im Gebet keine Antwort bekommen, ist: Wir fragen nicht.

Ja, wir sind schwach. Die Jünger damals waren es. Wir sind es heute. Schwach und bequem. Und Gott weiß das. Er weiß es und macht uns Mut, angesichts unserer Schwäche nicht zu verzweifeln, sondern sie wahrzunehmen und vielleicht auch anzunehmen, um sie dann im Gebet mit Gottes Hilfe zu überwinden.

2. Kor 12,19: Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.

Und so lasst uns Gott bitten:

Gott der Müden und Entmutigtengib mir Flügel des Adlers die mich tragenüber dem Abgrund der Zeitenund über meinen eigenen inneren Tiefen.Gib mir Flügel der Hoffnungund lass meine Seeleden weiten Horizont sehenund deine aufgehende Liebeüber den Schatten des Daseins.

Wer war Jesus wirklich?

Kennenlernen – das klingt Lernen und damit nach Arbeit

Eine Person so richtig kennen zu lernen, kann kompliziert werden.

Denn: Wir verlassen uns sehr oft auf einen ersten Eindruck. Nicht immer ist der erste Eindruck richtig.

Worin wir richtig gut sind: Äußerlichkeiten. Die können wir in Bruchteilen einer Sekunde wahrnehmen und einordnen: Wir wissen sehr schnell, ob wir jemanden hübsch finden oder nicht.

Mit den “inneren Werten” sieht es aber anders aus.

Es braucht manchmal sehr viel Zeit und auch Mühe, wenn man über den ersten, oberflächlichen Eindruck hinaus einen Menschen kennen lernen möchte.

Und seien wir ehrlich: Wie oft haben wir unserem ersten Eindruck schon daneben gelegen?

Begrenzte Fähigkeiten im Durch-Schauen von Schnappschüssen

Tatsächlich behaupte ich, dass unsere Fähigkeiten im Wahrnehmen und Durch-schauen eines anderen Menschen sehr beschränkt sind.

Natürlich: Das eine oder andere Motiv erkennen wir, die eine oder andere Charaktereigenschaft, wir können vielleicht erkennen, welchen Zug jemand als nächstes machen wird usw.

Aber einen anderen Menschen wirklich zu kennen: Das ist schwer. Vielleicht sogar ganz unmöglich.

Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der HERR aber sieht das Herz an. (1. Sam 16,7)

Auf jeden Fall ist es unmöglich, wenn uns unser Gegenüber nicht hilft. Stellen wir uns vor, wir hätten nichts weiter als einen Schnappschuss einer Person. Da wären wir mit unserer Erkenntnisfähigkeit schnell am Ende.

Das Alte Testament hat mit der Erzählung von Mose, der nach einer Begegnung mit Gott vom Berg herabsteigt und dessen Gesicht diese Begegnung mit dem Heiligen durch einen mysteriösen Glanz erkennen lässt, in einem Schnappschuss festgehalten.

Generationen von Menschen haben diese Erzählung gehört oder gelesen und sich auf der Grundlage dieser und der anderen Berichte über Mose ein Bild von ihm gemacht.

Der Schnappschuss von Mose

Was zeigt der Schnappschuss von Mose?

Moses mit glänzendem Gesicht
Moses mit glänzendem Gesicht

Wir erkennen in Mose einen Mann, der enge Beziehung zu Gott hat. Jemanden, den Gott selbst auserwählt hat, für eine große Tat.

Mose, der nach wunderbarer Rettung im ägyptischen Königspalast aufwuchs, sich dann seiner Herkunft erinnerte und sein Volk aus der ägyptischen Sklaverei befreite.

Mose, der das Volk durch die Wüste führte und dort die Steintafeln mit Gottes Geboten für die Menschen erhielt.

Mose, der Mann, der von Angesicht zu Angesicht mit Gott sprach.

Es gab in der Geschichte Israels noch manch andere große Männer.

Aber während Jakob von Gott den Namen Israel bekommt, also “Der, der mit Gott kämpft” (Gen 32,23-33), gibt die Bibel von Mose eine ganz andere Charakterisierung:

Und der HERR redete mit Mose von Angesicht zu Angesicht, wie ein Mann mit seinem Freunde redet; (Ex 37,11a)

Wenn wir diese Schnappschüsse aneinanderreihen, ist Mose etwas ganz ganz besonderes. Ein Mann, der dem Heiligen sehr nahe war. Der mit Gott befreundet war.

Es ist völlig klar, dass die Menschen diesem Mann viel Verehrung und eine ganz besondere Wertschätzung zuteil werden ließen. Nur eine weitere Gestalt des Alten Testaments, Elia, spielt in einer ähnlichen Liga.

Jesus wird verklärt

Viele Jahre später erklimmen einige Jünger gemeinsam mit Jesus einen Berg.

Dort passiert etwas gänzlich wunderbares: Jesus wird verklärt. Das bedeutet: Er kommt dem Heiligen so nahe, dass es sichtbar Spuren bei ihm hinterlässt.

Und was wir lesen, weckt unsere Erinnerungen an die Geschichte mit Mose:

Und nach sechs Tagen nahm Jesus mit sich Petrus und Jakobus und Johannes, dessen Bruder, und führte sie allein auf einen hohen Berg. Und er wurde verklärt vor ihnen, und sein Angesicht leuchtete wie die Sonne, und seine Kleider wurden weiß wie das Licht. Und siehe, da erschienen ihnen Mose und Elia; die redeten mit ihm. (Mt 17,1-3)

Die Reaktion der Jünger: Sie ordnen ihren Meister Jesus in die gleiche Kategorie ein, wie diese heiligsten aller Männer.

Petrus aber antwortete und sprach zu Jesus: Herr, hier ist gut sein! Willst du, so will ich hier drei Hütten bauen, dir eine, Mose eine und Elia eine. (Mt 17,4)

Wir erkennen, was uns gezeigt wird

Das kann man verstehen: Aus dem Moment heraus hat Jesus tatsächlich Ähnlichkeit mit den heiligsten Männern Israels.

Sicherlich war das von Petrus als höchste Form der Ehrerbietung gedacht.

Aber in machtvollen Worten tritt Gott der Vater auf den Plan und gibt sich zu erkennen:

Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe; den sollt ihr hören!

Jetzt erkennen die Jünger. Jetzt erkennen wir: Jesus ist kein Heiliger Mann, er ist der Heilige, Gott selbst.

Tatsächlich erkennen wir einen anderen umso vollständiger, je mehr er uns von sich preisgibt.

Über Jesus wird viel spekuliert

Bis heute herrscht Uneinigkeit darüber, wer Jesus ist.

Die Unitarier, Zeugen Jehovas, Muslime, aber auch genügend Menschen, die sich das Schild Christen umhängen, sehen es wie die Jünger auf dem Berg:

Jesus als Wundertäter, Jesus als Lehrer, Jesus als vorbildlicher Mann. Aber in all diesen Anschauungen bleibt Jesus immer ein Geschöpf Gottes, ein Heiliger – vielleicht besonders heiliger – vielleicht der heiligste von allen, aber immer ein geschaffener Mensch.

Gott gibt Jesus aber ganz eindeutig als seinen Sohn zu erkennen: Als die Person der Gottheit, die gezeugt ist, nicht geschaffen. Eins mit dem Vater und der über allen Heiligen, über allen Autoritäten steht.

Wenn wir von den Schnappschüssen wegkommen und Gott beim Wort nehmen, dann können wir ihn kennen lernen.

Er selbst stellt sich uns vor als der, der er ist.

Gott, ewig, einig, das Alpha und das Omega, der Gewesene, der Seiende, der Kommende, der allmächtige Vater, Sohn und Heiliger Geist.