Die Hoffnung stirbt nicht

Neulich orakelte ein Journalist schadenfroh, den Christinnen und Christen sei in diesem Jahr zu Ostern wohl das Halleluja in den FFP2-Masken steckengeblieben. Au contraire, mon ami! Ja, wir haben einiges schmerzlich vermisst, was uns lieb und teuer ist. Und nicht nur wir! Aber wer jetzt Menschen belächelt, weil ihnen das Leben schwer ist, der muss schon ein ziemlich selbstzufriedener Krisenprofiteur sein.

Verzichten wir 2021 auf unsere Erkennungsmelodie, das Lob Gottes, das Halleluja? Niemals!

Der Hoffnungslosigkeit überlässt uns der Glaube nicht. Und das hat gerade mit Ostern zu tun, dem Fest der Hoffnung schlechthin. In der größten Erzählung des Christentums wird der schrecklichste und unerbittlichste Feind besiegt, der überhaupt vorstellbar ist: Der Tod. Kann man sich einen größeren Sieg vorstellen? Warum in aller Welt sollte das ein Grund dafür sein, keine Hoffnung zu haben?

Christinnen und Christen landauf, landab und weltweit haben auch in diesem Jahr Ostern gefeiert und das Halleluja gesprochen oder gesungen: In Kirchen, Häusern, im Internet, im Freien, weil sie auch – und gerade – in diesem Jahr Hoffnung haben.

Mir gefällt der Gedanke, das Maß an Hoffnung könne ein Indikator sein für die Güte und Wahrheit der eigenen Grundüberzeugungen. Sollte das stimmen, dann haben uns die letzten Monate (hoffentlich) in vielerlei Hinsicht die Augen geöffnet.

„Die Hoffnung stirbt zuletzt“, sagt der Volksmund. Falsch! „Die Hoffnung stirbt gar nicht“, sagt sinngemäß die Bibel. Und zwar, weil es gute Gründe gibt, an ihr festzuhalten. Stichwort: Ostern.

Auch wenn mich die elende Maske (und vieles andere) mittlerweile reichlich nervt: Vom Halleluja hält sie mich auch 2021 nicht ab. Und von der Hoffnung schon gar nicht.

Unglaublich: Ein neuer Mensch!

Ich möchte mit Euch über Unglaubliches sprechen und über das sehr geringe Vertrauen, das wir mitbringen, wenn es um unglaubliche Dinge geht.

In unserem heutigen Predigttext lernen wir eine Frau kennen, die – und da unterscheidet sie sich von vielen modernen Menschen – den Sinn ihres Lebens kennt. Dieser Frau macht Gott die Verheißung, dass er ihr bei der Verwirklichung ihres Lebenssinns helfen wird. Und das, obwohl die Frau schon sehr alt ist, obwohl alle Erfahrungen dagegen sprechen. Und wir werden von einer Frau hören – und da unterscheidet sie sich nun gar nicht von uns modernen Menschen – die auf dieses Versprechen Gottes hin lachen muss. Gott macht unglaubliche Versprechungen und wir haben unglaublich kleingläubige Reaktionen darauf.

Aber hört selbst:

Gen 18,1 Und der Herr erschien ihm im Hain Mamre, während er an der Tür seines Zeltes saß, als der Tag am heißesten war. 2 Und als er seine Augen aufhob und sah, siehe, da standen drei Männer vor ihm. Und als er sie sah, lief er ihnen entgegen von der Tür seines Zeltes und neigte sich zur Erde 3 und sprach: Herr, hab ich Gnade gefunden vor deinen Augen, so geh nicht an deinem Knecht vorüber. 4 Man soll euch ein wenig Wasser bringen, eure Füße zu waschen, und lasst euch nieder unter dem Baum. 5 Und ich will euch einen Bissen Brot bringen, dass ihr euer Herz labt; danach mögt ihr weiterziehen. Denn darum seid ihr bei eurem Knecht vorübergekommen. Sie sprachen: Tu, wie du gesagt hast.
6 Abraham eilte in das Zelt zu Sara und sprach: Eile und menge drei Maß feines Mehl, knete und backe Brote. 7 Er aber lief zu den Rindern und holte ein zartes, gutes Kalb und gab’s dem Knechte; der eilte und bereitete es zu. 8 Und er trug Butter und Milch auf und von dem Kalbe, das er zubereitet hatte, und setzte es ihnen vor und blieb stehen vor ihnen unter dem Baum, und sie aßen.
9 Da sprachen sie zu ihm: Wo ist Sara, deine Frau? Er antwortete: Drinnen im Zelt. 10 Da sprach er: Ich will wieder zu dir kommen übers Jahr; siehe, dann soll Sara, deine Frau, einen Sohn haben. Das hörte Sara hinter ihm, hinter der Tür des Zeltes. 11 Und sie waren beide, Abraham und Sara, alt und hochbetagt, sodass es Sara nicht mehr ging nach der Frauen Weise. 12 Darum lachte sie bei sich selbst und sprach: Nun, da ich alt bin, soll ich noch Liebeslust erfahren, und auch mein Herr ist alt!
13 Da sprach der Herr zu Abraham: Warum lacht Sara und spricht: Sollte ich wirklich noch gebären, nun, da ich alt bin? 14 Sollte dem Herrn etwas unmöglich sein? Um diese Zeit will ich wieder zu dir kommen übers Jahr; dann soll Sara einen Sohn haben. 15 Da leugnete Sara und sprach: Ich habe nicht gelacht –, denn sie fürchtete sich. Aber er sprach: Es ist nicht so, du hast gelacht.

Es geht es in dieser Geschichte um nicht mehr und nicht weniger als den Sinn des Lebens und wie es vorkommen kann, dass man ihn kennt, aber nicht verwirklichen kann. Den Sinn des Lebens von einer Möglichkeit zu einer Wirklichkeit werden zu lassen – das ist es, was Sara in ihrem Leben nicht gelungen ist.

Für Sarah war der Sinn ihres Lebens ein Kind.

Das mag uns heute anachronistisch vorkommen. Den Lebenssinn im Gebären und Aufziehen von Kindern suchen? Heute – zumindest bei den Jüngerinnen und Jüngern des Zeitgeistes – unvorstellbar! Jungen Menschen, insbesondere Mädchen und Frauen ,wird eher das Gegenteil gesagt: Lebenssinn sei die berufliche Selbstverwirklichung. Und das Bekommen von Kindern sei eine Art defizitärer Lebensentwurf.

Bevor wir aber über Sara die Nase rümpfen, weil sie uns so altertümlich vorkommt: Dass der Wunsch, Kinder zu bekommen, falsch sei, ist biblisch gesprochen eine Lüge. Gott scheint das nämlich ganz anders zu sehen, zumindest wenn wir einen Blick in das 1. Buch Mose werfen. Dort erklärt der HERR sehr eindeutig, worin die Aufgabe des Menschen besteht: „Seid fruchtbar und mehrt euch!“ Und Achtung! Diese Aufgabe wird nicht nur der Frau, sondern dem Menschen allgemein, also auch dem Mann, zuteil.

Lasst uns noch ein Weilchen bei Sara und ihrem Wunsch bleiben. Heute meinen viele, dieser Wunsch nach Kindern sei nur das Ergebnis von falscher Sozialisierung und Erziehung. Nach gut post-moderner Ansicht glaubt man, der Mensch könne sich sein Lebensziel ganz frei wählen. Und obwohl wir natürlich alle gern frei wählen möchten, müssen wir doch wahrnehmen, dass viele Menschen, deren Kinderwunsch aus welchen Gründen auch immer verwehrt bleibt, darunter oft sehr leiden. Ein nicht erfüllter Kinderwunsch darf nicht einfach als eine vernachlässigbare Kleinigkeit weggewischt werden, so nach dem Motto: „Was stellst Du Dich so an?“ Er muss ernst genommen werden als etwas, das Menschen – Frauen wie Männer – trauern lässt. Es ist nicht nur schmerzhaft, ein Kind zu verlieren. Es ist auch schmerzhaft, die Möglichkeit zu verlieren, ein Kind zu haben.

Und das galt nicht nur damals. Es gilt auch heute, obwohl doch der gesellschaftliche Druck in dieser Hinsicht bei weitem nicht vergleichbar ist mit der Zeit, aus der unsere Geschichte stammt.
Kehren wir aus dem 19. Jahrhundert vor Christus ins 21. Jahrhundert nach Christus zurück: Damals wie heute gibt es das: Ein Mensch lebt sein Leben und kann den Sinn seines Lebens zwar erkennen, aber nicht verwirklichen.

Heute scheitern viele Menschen schon am Erkennen des Lebenssinns. Das liegt eben daran, dass der moderne Mensch nur noch selten bereit ist, etwas als wahr zu akzeptieren, was außerhalb seiner selbst liegt. Der moderne Mensch will sich nichts sagen lassen, will es besser wissen, will, dass es so läuft, wie er es will. „Mein Wille geschehe!“ ist das Gebet des modernen Menschen.
Die modernen Lebenskrisen bestehen eher darin, erkennen zu müssen, dass man mit dieser Einstellung komplett auf dem Holzweg ist. Man kann mit noch so viel Geld, mit noch so viel Lebensberatungsliteratur, mit noch so viel Konsum, mit noch so viel gutem Aussehen, mit noch so viel beruflichem Erfolg, mit noch so gutgemeinter Kindererziehung die Leere im eigenen Herzen nicht ausfüllen. Die Leere im Herzen der Menschen ist so groß, dass nur ein sehr großer Gott sie füllen kann.

Was ist denn nun der Sinn des Lebens? Darüber streiten die Gelehrten. Ich würde sagen: Den Blick von sich selbst wegzulenken und zum Himmel zu schauen. Gott hat unsere Augen nicht an den Kniescheiben angebracht. Sie sind hier oben an unserem Kopf, damit wir – selbst wenn wir mit beiden beiden auf der Erde unterwegs sind – den Blick nach oben richten können. Über uns selbst hinaus.
Mit fortschreitenden Lebensjahren erkennen einige Menschen: Es sind nicht immer die selbst gesetzten Ziele, die de Sinn des Lebens treffen. Es ist nicht das, was wir uns selber sagen können, dessen Nichterreichen uns besonders zu schaffen macht. Der Sinn unseres Lebens ist uns von außen her gesetzt. Das zu akzeptieren, heißt: Erwachsen zu werden. Viele werden das bis ins hohe Alter hinein nicht.

https://youtu.be/11KWUDiFyBI

Was ist der Sinn, der von außen gesetzt ist? Bestimmt nicht, dieses oder jenes Auto zu fahren. Bestimmt nicht der berufliche Erfolg oder die wirtschaftliche Überlegenheit. Der Sinn unseres Lebens hat mit dem Menschen zu tun, der wir sein könnten, aber nicht sind. Von dem großen Traum, den wir von uns selber haben: Ein besserer, ein neuer Mensch zu werden. Danach müssen wir uns ausstrecken, unser ganzes Leben lang.

Nicht die weltlichen Dinge sind es, die uns hier schlaflose Nächte bereiten. Sondern das Über-uns-hinauswachsen zum Guten, zum Wahren und zum Schönen. Wir transzendieren uns. Wir müssen über unsere Grenzen hinaus. Und darin besteht der Sinn unseres Lebens. Wir müssen weg vom ewigen Kreisen um uns selbst hin zum anderen. Der Mensch wird am DU zum ICH. Wenn dieser Sinn nicht erreicht wird, dann ist guter Rat teuer.  Für die gottesfürchtige Sarah war der Traum, den sie von sich selber hatte: Eine Mutter zu werden. Und wir Kinder des 21 Jahrhunderts haben kein Recht, über diesen Traum zu lachen.

Denn wer könnte den Sinn des Lebens, der im selbstvergessenen Sich-Ausstrecken-zum-Nächsten besteht, besser und beispielhafter treffen als eine Mutter? Dazu braucht es nicht einmal eigene Kinder. Die Heilige Mutter Teresa hat es vorgemacht.
Das möchte Sara, aber der Kinderwunsch bleibt ihr verwehrt. Der Engel Gottes, der Abraham nun in der Hitze des Tages erscheint, macht ein Versprechen: Dass Gott nämlich diese Veränderung wahr machen werde. Selbst jetzt noch, wo alles, auch die biologischen Umstände, das Alter, die vielen eingefahrenen Wege und Gewohnheiten dagegen sprechen und dieses Versprechen nicht nur unwahrscheinlich, sondern geradezu unmöglich wirken lassen, will Gott Sara so verändern – hin zu diesem Menschen, der sie immer sein wollte.

Ich habe viel Sympathie für ihre Reaktion. Sie muss lachen. Ein schmerzhaftes Lachen. Jetzt noch? Nach so vielen Jahren? Ist es nicht langsam zu spät? Muss man nicht irgendwann einmal Abschied nehmen von dem, was nicht gelungen ist? Muss man nicht irgendwann abschließen, sich abfinden, resignieren?
Nein! Gott gibt uns das Versprechen: Es lohnt sich immer, auf ein Wunder zu hoffen. Es lohnt sich immer, an Gottes Verheißungen zu glauben. Denn „sollte dem HERRN etwas unmöglich sein?“  Gott kann tatsächlich das Wunder bewirken und uns zur Verwirklichung unseres Lebenssinn führen. Er kann das größte Wunder tun und einen neuen Menschen aus uns machen. Paulus spricht davon, sich zu Christus zu bekehren und so den alten Menschen auszuziehen und den neuen Menschen anzuziehen. Der lebendige Gott macht alles neu.

Sara hat uns ein Beispiel gegeben, dass es einen Sinn im Leben gibt.Wir haben gesehen, worin dieser Sinn besteht: Im Anerkennen, dass nicht ich der Herr meines Lebens bin, sondern Gott. Im ständigen Sich-Ausstrecken zum Wahren, zum Guten, zum Schönen. In der Selbstvergessenheit, im Da-Sein für den anderen. Gott will uns dabei helfen. Wenn wir nicht wissen, wie das gehen sollen, machen wir es wie Paulus: Schauen wir auf Christus, denn er ist der Weg, die Wahrheit und das Leben. (Joh 14,6) Wer sich zu ihm wendet, wird in ihm neu geboren, ein neuer, besserer Mensch. Dafür ist man nie zu alt. Dafür ist es nie zu spät.

Das erkennt schließlich auch Sara. Trotz ihres anfänglichen Zweifels macht Gott sein Versprechen wahr. Abraham und sie bekommen einen Sohn, den sie Isaak nennen, hebräisch für „Gott hat gelacht.“ Und wir wissen ja: Wer zuletzt lacht, lacht am besten.
Amen.

Mann oder Kaninchen?

von C.S. Lewis

Warum Christ werden? Genügt es nicht, ein guter Mensch zu sein?

Ehe ich versuche, darauf zu antworten, muß ich etwas vorwegnehmen. Die Frage klingt, als wäre sie von jemandem gestellt worden, der zu sich selbst sagte: „Es ist mir gleichgültig, ob das Christentum wahr ist oder nicht. Was soll ich mir darüber den Kopf zerbrechen, ob es besser ist als andere Weltanschauungen? Aber eines möchte ich wissen: Wie kann ich ein guter Mensch sein? Mein Glaube muß nicht unbedingt wahr sein; aber ich stelle mir vor, er könnte mir nützlich sein – darum beschäftige ich mich mit dieser Frage.“

Offen gestanden: Es fällt mir schwer, für eine solche Haltung Sympathie aufzubringen. Eine der Eigenschaften, durch die sich der Mensch von den Tieren unterscheidet, ist doch seine Wißbegierde: Er will den Dingen auf den Grund kommen, er will die Wirklichkeit erforschen – einfach um der Erkenntnis willen. Ich finde, ein Mensch ist kein Mensch mehr, wenn dieses Verlangen in ihm völlig erloschen ist. Dabei glaube ich nicht etwa, daß irgend jemandem unter Ihnen dieser Wunsch wirklich ganz abhanden gekommen ist. Eher vermute ich, daß alberne Prediger Ihnen die Ohren vollgeschwatzt haben, wie sehr das Christentum Ihnen helfen würde und wie gut es für die menschliche Gesellschaft sei. Und so haben Sie sich zu der Vorstellung verleiten lassen, das Christentum sei eine Art sehr wirksamer Medizin.

Die christliche Botschaft selbst hingegen erhebt den Anspruch, ein Tatsachenbericht zu sein. Sie will Ihnen über die Wirklichkeit Auskunft geben. Vielleicht sind ihre Aussagen wahr, vielleicht auch nicht. Da Sie nun aber einmal vor diese Frage gestellt sind, muß Ihre natürliche Wißbegierde Sie doch dazu treiben, die Antwort zu suchen. Wenn das Christentum nicht wahr ist, dann wird kein aufrichtiger Mensch daran glauben wollen, auch wenn es noch so nützlich wäre. Ist es aber wahr, dann wird jeder aufrichtige Mensch daran glauben wollen, selbst wenn es ihm überhaupt nichts nützen sollte.

Wenn das klargeworden ist, so folgt daraus gleich ein zweites: Nehmen wir einmal an, das Christentum ist wirklich wahr; der eine kennt diese Wahrheit, der andere nicht. Dann ist es aber doch ganz und gar unmöglich, daß beide gleich gut ausgerüstet sind, um gute Menschen zu sein. Denn das, was wir über die Wirklichkeit wissen, hat einen Einfluß auf unser Tun.

Ein Christ und ein Nichtchrist möchten vielleicht beide ihren Mitmenschen Gutes tun. Der eine glaubt, daß die Menschen ewig leben, daß sie von Gott erschaffen sind und darum ihrem Wesen nach wahres und bleibendes Glück nur in der Gemeinschaft mit Gott finden können, daß sie sich jedoch arg verrannt haben und daß gehorsamer Glaube an Jesus Christus der einzige Weg zurück ist. Der andere glaubt, daß die Menschheit ein Zufallsprodukt blind waltender Materie ist, daß sie von den Tieren abstammt und eine mehr oder weniger stetige Aufwärtsentwicklung durchgemacht hat, daß der Mensch etwa siebzig Jahre alt wird, daß gute soziale Einrichtungen und politische Organisationen sein Glück voll gewährleisten und daß alles andere (z. B. Vivisektion, Geburtenkontrolle, Gesetz- gebung, Erziehung) einfach als „gut“ oder „schlecht“ zu taxieren ist, insofern es diese Art von Glück fördert oder hindert.

Natürlich können diese beiden Männer in ihrem Dienst am Mitmenschen über viele Dinge gleicher Meinung sein. Beide werden gewiß eine ausreichende Kanalisation, gute Krankenhäuser und eine gesunde Ernährung gutheißen. Aber früher oder später müssen ihre Glaubensunterschiede auch zu Meinungsunterschieden in praktischen Fragen führen. Vielleicht setzen sich beide leidenschaftlich für das Erziehungswesen ein. Aber ihre Vorstellungen über die Art von Erziehung, die sie den Leuten vermitteln wollen, sind offensichtlich sehr verschieden. Oder: Zur Beurteilung irgendeines Vorschlags wird der Materialist einfach fragen: „Kann seine Verwirklichung die Mehrheit glücklicher machen?“, während der Christ vielleicht sagen muß: „Selbst wenn die Mehrheit dadurch glücklicher würde, können wir es nicht tun. Es wäre ungerecht.“

Und ein großer Unterschied wird sich auf jeden Fall durch all ihre Entscheidungen ziehen: Dem Materialisten müssen Einrichtungen wie Staat, Klasse, Kultur usw. wichtiger sein als der einzelne Mensch; denn das Individuum lebt nach seiner Auffassung nur etwa siebzig Jahre, während soziale Gruppierungen Jahrhunderte überdauern können. Dem Christen hingegen ist der einzelne Mensch wichtiger, denn er lebt ewig; Rassen, Zivilisationen und dergleichen sind daneben nur Eintagsfliegen. Das Weltbild des Christen ist also ganz anders als das des Materialisten. Sie können nicht beide recht haben. Derjenige aber, der unrecht hat, wird in einer Art und Weise handeln, die der Wirklichkeit einfach nicht angepaßt ist. Darum wird sein „Helfen“ zur Zerstörung seiner Mitgeschöpfe beitragen, auch wenn er noch so gute Absichten hat.

„Auch wenn er noch so gute Absichten hat…“ – dann ist es aber nicht seine Schuld. Und Gott (wenn es ihn überhaupt gibt) wird doch niemanden für Fehler bestrafen, die er aus bloßer Unwissenheit begeht? Aber: War das Ihr ganzer Kummer? Wollen wir das Risiko eingehen, unser Leben lang im Dunkeln zu tappen und unermeßlichen Schaden anzurichten, wenn wir nur die Versicherung haben, daß wir ungeschoren davonkommen und niemand uns bestrafen oder auch nur tadeln wird? Ich möchte nicht annehmen, daß mein Leser auf dieser Stufe steht. Aber selbst wenn er es täte, müßte ich ihm etwas dazu sagen.

Die Frage, vor die jeder von uns gestellt ist, heißt nicht: „Kann man ein guter Mensch sein, ohne daß man Christ wird?“ Sie heißt: „Kann ich es?“ Wir wissen alle, daß es gute Menschen gegeben hat, die keine Christen waren; Männer wie Sokrates und Konfuzius, die das Evangelium nie gehört haben, oder Männer wie J. S. Mill, der es einfach nicht glauben konnte. Angenommen, der christliche Glaube wäre wahr, dann lebten diese Männer in echter Unwissenheit oder aufrichtigem Irrtum. Wenn ihre Absichten so gut waren, wie ich annehme (denn natürlich kann ich ihre geheimsten Gedanken nicht lesen), dann hoffe und glaube ich, Gottes erfinderische Gnade wird den Schaden wieder gutmachen, den ihre Unwissenheit, bliebe sie sich selbst überlassen, ihnen und ihren Mitmenschen sonst zugefügt hätte.

Wenn mich aber jemand fragt: „Kann ich nicht ein guter Mensch sein, ohne daß ich Christ bin?“, dann hat er offensichtlich andere Voraussetzungen. Wenn er nichts vom Christentum wüßte, könnte er diese Frage gar nicht stellen. Wenn er davon wüßte und es ernsthaft geprüft und als unwahr verworfen hätte, dann würde er diese Frage auch nicht stellen. Einer, der so fragen kann, weiß vom Christentum und ist keineswegs sicher, ob es nicht wahr sein könnte. Seine Frage heißt in Wirklichkeit:
„Muß ich mich damit herumschlagen, das zu ergründen? Kann ich nicht ausweichen, einfach so tun, als ob, und mir Mühe geben, gut zu sein? Genügt mein guter Wille denn nicht, um mich sicher und rechtschaffen ans Ziel zu bringen, ohne daß ich an diese leidige Tür klopfe, um herauszufinden, ob jemand dahinter ist oder nicht?“

Dieser Mensch verlangt tatsächlich die Erlaubnis, mit seinem „Gutsein“ durchs Leben zu kommen, bevor er alles daran gesetzt hat zu erfahren, was überhaupt „gut“ heißt; diese Antwort sollte genügen.

Aber etwas muß dazu noch gesagt sein: Wir müssen gar nicht untersuchen, ob Gott ihn für seine Feigheit und Faulheit bestrafen wird; solche Leute bestrafen sich selbst. Dieser Mann drückt sich. Er versucht absichtlich, nicht zu wissen, ob der christliche Glaube wahr oder unwahr ist, denn er befürchtet unabsehbare Schwierigkeiten, falls er sich als wahr erweist. Dieser Mensch ist wie einer, der absichtlich „vergißt“, einen Blick aufs Anschlagbrett zu werfen, weil er befürchtet, er könnte dort seinen Namen entdecken und irgendeine unangenehme Arbeit verrichten müssen. Er ist wie einer, der sein Bankkonto lieber nicht anschaut, weil er Angst hat zu erfahren, was darin steht. Er ist wie einer, der nicht zum Arzt geht, wenn er einen verdächtigen Schmerz zu spüren beginnt, weil er Angst hat vor der ärztlichen Diagnose. Wer aus solchen Gründen ungläubig bleibt, ist nicht in einem Zustand aufrichtigen Irrtums.

Das ist unaufrichtiger Irrtum, und diese Unaufrichtigkeit wird sein ganzes Tun und Denken prägen. Eine gewisse Verschwommenheit seiner Grundsätze, etwas Vages, Unbeständiges in seinem Wesen, eine Abstumpfung seines ganzen Urteilsvermögens wird die Folge davon sein. Er hat seine intellektuelle Keuschheit verloren. Es ist möglich, daß Sie noch nicht sicher wissen, ob Sie Christ werden sollten oder nicht. Aber eines wissen Sie sicher: daß Sie ein Mann sein sollten und nicht ein Vogel Strauß, der den Kopf in den Sand steckt.

Doch immer noch liegt mir jemand mit dieser erbärmlichen Frage in den Ohren – denn die intellektuelle Redlichkeit ist tief gesunken in unserer Zeit -: „Wird mir das Christentum etwas nützen? Wird es mich glücklich machen? Glauben Sie wirklich, es wäre besser, ich würde Christ?“ Nun gut, wenn es unbedingt sein muß, meine Antwort heißt: „Ja.“ Aber ich will im Augenblick eigentlich gar keine Antwort geben. Hier ist eine Türe und dahinter wartet, wenn manche Leute recht haben, das größte Geheimnis der Welt auf Sie. Entweder ist es wahr, oder es ist nicht wahr. Und wenn es nicht wahr ist, dann ist das, was die Türe tatsächlich verbirgt, schlicht und einfach der größte Schwindel, die ungeheuerlichste Bauernfängerei. Muß es sich da nicht jeder zur Aufgabe machen – jeder, der ein Mann ist und kein Kaninchen – herauszufinden, was wahr ist? Muß nicht jeder aufrichtige Mensch seine ganze Kraft dafür einsetzen, entweder diesem überwältigenden Geheimnis zu dienen oder diesen gigantischen Humbug aufzudecken und damit aufzuräumen? Können Sie sich wirklich angesichts einer solchen Frage damit begnügen, sich einzig und allein um Ihr gesegnetes moralisches Weiterkommen zu bekümmern?

Also denn, das Christentum wird Ihnen etwas nützen, sehr viel mehr sogar, als Sie es je gewünscht oder erwartet haben. Und die erste Portion Nutzen, die es Ihnen bringt, wird Ihnen alles andere als angenehm sein: Es wird Ihnen die Tatsache in den Kopf hämmern, daß alles, was Sie bis jetzt „gut“ genannt haben – all das Gerede von „ein guter Mensch sein“ und „ein anständiges Leben führen“ – nicht ganz so eine großartige und hochwichtige Angelegenheit ist, wie Sie meinten. Es wird Ihnen beibringen, daß Sie in Wirklichkeit aus eigener Kraft gar nicht „gut“ sein können, keine vierundzwanzig Stunden lang! Und dann wird es Ihnen aufdämmern lassen, daß Sie, selbst wenn Sie es könnten, noch immer das Ziel verfehlt hätten, auf das hin Sie geschaffen sind.

Nur nach sittlicher Vollkommenheit zu streben, ist kein Lebensziel. Sie sind für etwas völlig anderes gemacht worden. Die Leute, die bei der Frage stehenbleiben, ob sie nicht auch ohne Christus „gute Menschen“ sein könnten, wissen nicht, was Leben ist. Wenn sie es wüßten, so sähen sie auch ein, daß ein „anständiges Leben“ eine armselige Maschinerie ist im Vergleich mit dem, wozu wir Menschen wirklich geschaffen sind.

Es ist unerläßlich, daß wir uns darum bemühen, gute Menschen zu sein. Aber das göttliche Leben, das sich uns selbst schenkt und das uns dazu beruft, Gotteskinder zu sein, will etwas aus uns machen, von dem unsere eigene Rechtschaffenheit nicht einmal ein Schatten ist. So heißt es in 1. Korinther 13,10: „Wenn das Vollkommene kommt, dann wird das Stückwerk abgetan.“

Die Vorstellung, es ohne Christus zu einem Leben als „gute Menschen“ zu bringen, gründet sich auf einen doppelten Irrtum: Erstens ist es unmöglich; und zweitens haben wir den eigentlichen Sinn unseres Lebens verfehlt, wenn wir diese Art der Vollkommenheit zu unserem Endziel erheben.

Sittliche Vollkommenheit ist ein Berg, den wir aus eigener Kraft nicht erklimmen können. Und wenn wir es könnten, so würden wir doch im Eis und in der dünnen Luft auf seinem Gipfel umkommen, denn uns fehlen die Flügel, mit denen allein das letzte Wegstück zurückgelegt werden kann. Denn erst hier beginnt der eigentliche Aufstieg. Pickel und Bergseil müssen dazu „abgetan“, zurückgelassen werden. Alles Übrige ist eine Sache des Fliegens.“

Auszug aus C.S.Lewis, “Gott auf der Anklagebank”, S. 79-85